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Pressestimmen zu "Frau Holle"


FT vom 19. November 2012:

zu in.Franken.de

 

Frau Holle im Werkstatt-Theater Chapeau Claque zeigt "Frau Holle" in seinem Werkstatt-Theater. Das bekannte Märchen wurde 2006 zu Deutschlands schönstem Märchen gekürt.

 

 

"Frau Holle" feierte im Werkstatttheater in der Grafensteinstraße Premiere. Im Bild: Jana Mathes (li.) als Goldmarie und Petra Polimeno als Frau Holle Foto: Bernd Schramm
"Frau Holle" feierte im Werkstatttheater in der Grafensteinstraße Premiere. Im Bild: Jana Mathes (li.) als Goldmarie und  Petra Polimeno als Frau Holle Foto:  Bernd Schramm

 

 

 

Zwischen Globalisierung, Kriegen, Krisen und Klimawandel kann man allerlei verlieren, auch schon mal den Mut, die Hoffnung, die Zuversicht oder seine Träume. Aber in dem sagenhaften Land Maar gibt es ja glücklicherweise ein ganz besonderes Tal - das Tal der verlorenen Dinge, ein wahrhaft ausgewählter Ort.

Da findet man sie wieder: ein verlorenes Lachen, eine verlorene Liebe, einen verlorenen Zauberstab, eine verlorene Kindheit, einen verlorenen Traum. Das Werkstatt-Theater von Chapeau Claque in der Grafensteinstraße ist auch so ein ausgewählter Ort, und wurde folgerichtig ja auch als solcher ausgezeichnet.

Ein verlorenes Lachen findet man dort mit Sicherheit wieder, und verloren geglaubte Kindheitsträume auch. Zum Beispiel Frau Holle. Die genießt zwar zur Zeit noch ihren Pausentee, gerührt, nicht geschüttelt, und dazu Geschnetzeltes, Gebratenes, Gegrilltes, Gedünstetes und Gekochtes, vorzugsweise Speckwürfel, aber irgendwann wird es schneien. Das Publikum der Premierenvorstellung hat die ersten Schneegestöber bereits hinter sich.

Nüchtern betrachtet ist Frau Holle ein Märchen vom Typ 480D - Geschichten von artigen und unartigen Mädchen. Generationen von Historikern, Germanisten und Psychologen haben in dieses Märchen der Gebrüder Grimm hineininterpretiert was nur hinein zu interpretieren geht, den Stoff von links nach rechts gedreht, ausgepresst und platt gewalzt.

2006 wurde Frau Holle als Deutschlands schönstes Märchen preisgekrönt. Darüber kann man natürlich streiten, aber gewiss nicht darüber, wie Chapeau Frau Holle auf die von Barbara Bollerhoff gestaltete und Martin Klerner gebaute Bühne bringt - märchenhaft modern, pointen- und facettenreich, mit Wort- und Spielwitz, und - eigensinnig.

Fränkisch sprechende Brote und als Running Gag ein Hahn, der ständig seinen Einsatz verpatzt, kommen bei Jacob und Wilhelm Grimm nicht vor. In Dorothea Schreibers Inszenierung von Frau Holle schon. Die Bühnenfassung des Märchens stammt vin Martin Neubauer, dem Prinzipal des Brentano-Theaters, und es war Clemens Brentano, der die Hanauer Märchensammler zu ihrem Tun inspirierte. Hier schließt sich ein Kreis.

Die diesjährige Weihnachtsproduktion von Chapeau Claque beginnt mit einer pantomimischen Sequenz zu der Musik von Harald Hauck. Wortlose Kunst, vielleicht einen Hauch zu lang, aber das ändert sich dann schnell. Gut und Böse sind ganz in der Tradition der Gebrüder Grimm noch deutlich sichtbar verteilt. Jana Mathes ist die brave, artige und fleißige Marie, tüchtig und schüchtern, Eike Adler die rotzfrech herumlümmelnde, faule, kaltschnäuzig und großmäulig-arrogante, total verzogene Stiefschwester, ein Abziehbild von Mama Petra Polimeno, nicht unbedingt eine Vorzeigemutter. Dass "Marie” Mathes nicht nur lieb und gut ist, und "Marie” Adler nicht nur faul und böse, wird erst allmählich erkennbar.

Chapeau lässt es nicht nur schneien, sondern zaubert auch einen Sternenhimmel über die Bühne, lässt die Mädels in einen visuellen Abgrund stürzen ("Tiefer, tiefer, noch tiefer!” - einfach klasse: Eike Adler), lässt in einem Lichtgewitter Gold und Pech regnen, und zeichnet Grautöne in die Grimmsche Schwarz-weiß-Malerei.

Die Mädchen verändern sich, nachdem sie der würdevollen, lebensklugen Frau Holle begegnet sind. Affektiert, geldgierig, bösartig, ungerecht und überheblich, ein Herz aus Stein, und dann würdevoll und souverän-sanftmütig, mit einem unbestechlichen Blick für das Wesentliche, und der Macht, es auch geschehen zu lassen, das alles ist absolut überzeugend Petra Polimeno; als Frau Holle von Nikola Voit (Kostüme) standesgemäß ganz in Weiß gewandet.

Bei der Vielzahl von Vorstellungen kommt das Theater mit nur drei Akteuren nicht aus. Neben Jana Mathes, Eike Adler und Petra Polimeno spielen auch noch die Produktionsleiterin Astrid Komnick, bei der Produktion assistiert von Anna-Maria Heinz, und Miriam Bernhardt. Lea Sopper hätte spielen sollen, die "böse” Marie, hätte auch ganz gut gepasst, aber ein gebrochener Ellenbogen hat das verhindert. So ist Jana Mathes dann auch noch in die Rolle ihrer Stiefschwester geschlüpft. Eine Riesenarbeit, und das mit Erfolg, wie die zweite Premiere am Sonntag bewies.